Nicht nur Schreiben will gelernt sein

P1000819_klein_cropSchreiben ist zum großen Teil Handwerk; dass es nicht verkehrt ist, sein Handwerkszeug zu beherrschen, wenn man schreiben möchte, ist eine Binsenweisheit. Und dann möchte man das Geschriebene vielleicht auch mal in der Öffentlichkeit präsentieren. Wer Wortwechsel kennt, weiß, dass wir pro Jahr als Gruppe mindestens zwei Lesungen veranstalten, und einige Autorinnen treten mit ihren Texten zusätzlich noch zu anderen Gelegenheiten bei Lesungen auf.
Also schickten wir uns an, auch den Auftritt und das Sprechen in der Öffentlichkeit zu lernen.

Mona Köhler, Sprecherin, Schauspielerin und Theaterpädagogin sowie stellvertretende Schulleitung und Dozentin für Schauspiel bei der Akademie für Darstellende Kunst Westfalen, hat uns am 10. März besucht, um uns die Grundlagen zu vermitteln.

Wortwechsel-Autorin Sonja Koch hat den Tag zu einem Bericht zusammengefasst:

Damit Mona sich unsere Namen besser merken konnte, spielten wir im Sinne von „Ich packe meinen Koffer“ eine Vorstellungsrunde, bei der wir unseren Namen und unsere Schreibvorlieben nannten.

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Höchste Konzentration auch beim Spiel „Was machst du?“

Anschließend wurde unsere Konzentration sehr gefordert, da wir im Raum herumgehen mussten und, wenn Mona „Stopp“ sagte, auf Dinge und hinterher auch Personen zeigen mussten, allerdings mit geschlossenen Augen.
Dann setzten wir uns paarweise zusammen und interviewten unsere jeweilige Partnerin zur Person, mit der Aufgabe, bei der Präsentation des Ergebnisses eine Lüge einzubauen, die die anderen herausfinden sollten.
Während dieser Zeit nahm Mona draußen auf dem Flur unsere Stimmen auf, um sie im Anschluss an die Vorstellungsrunde vorzuspielen. Zweck dieser Übung war, dass jede sich selbst sprechen hören konnte, um die Wirkung ihrer Stimme besser einzuschätzen.
Die Vorstellungsrunde gestaltete sich sehr spannend, da Körperhaltung, Bewegung, Mimik und Sprache analysiert und besprochen wurden und natürlich auch die eingeflochtene Lüge erkannt werden musste.

Als Ergebnis ließ sich zum Schluss Folgendes festhalten:
1. Es ist wichtig, sich auf einen Anfang festzulegen, das heißt, ab wann bin ich auf der Bühne? Schon während ich dorthin gehe? Wenn ich sie betrete oder erst, wenn ich mich dem Publikum zuwende?
2. Wenn ich mich auf der Bühne bewege, dann ruhig und mit Absicht. Zappeln und ausladende Bewegungen sind Zeichen für Nervosität.
3. Ich sollte ins Publikum schauen und meine Zuhörer einbeziehen.
4. Wenn ich mich verhaspele, dann sollte ich nicht nervös werden, sondern den Fehler zugeben und noch einmal anfangen.
5. Bevor ich an das Mikrofon trete, sollte ich die Lippen schon leicht geöffnet haben, um Schmatzgeräusche zu vermeiden, die beim Öffnen der Lippen entstehen.

Nach einer kleinen Pause nahmen wir uns einzelne Buchstaben vor und versuchten, herauszufinden, in welchem Teil unseres Körpers jeweils Schwingungen verursacht wurden. Wir stellten fest, dass A, E und I mehr oben im Kopf, O und U mehr unten im Bauch vibrieren.
Die Buchstaben P, T und K gehen, rein, also ohne den Mitlaut gesprochen, über das Zwerchfell, während S, Sch und F zischen.
Der Buchstabe F ist außerdem sehr gut für Lampenfieber, weil er zum Ausatmen zwingt und man dadurch automatisch entspannt.
Wir „ölten“ unsere Stimmen anschließend durch Summen, Gähnen und Gurgeln und lernten, dass wir Räuspern möglichst vermeiden sollten, weil das den Stimmbändern gar nicht gut bekommt.

Dann folgten die Sprechübungen mit, ja, dem berühmten Korken (igitt). Wir sagten einen Zungenbrecher auf, einmal ohne, dann mit und dann wieder ohne Korken, und unsere Stimmen und die Aussprache waren beim letzten Mal viel klarer und deutlicher.
Der Zungenbrecher lautete: Wenn der Benz bremst, brennt das Benz-Bremslicht.

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Bei der Verteilung der ungeliebten Korken

Wer den Korken zu eklig fand, konnte diese Sprechübung auch mit der Zunge hinter den Schneidezähnen durchführen, aber wir waren alle sehr tapfer und übten mit Korken.
Anschließend pflückten wir beliebige Wörter wie Äpfel von den Bäumen, zogen sie beim Tauziehen heran oder fingen sie mit dem Lasso ein, um ihnen mehr Klarheit und Nachdruck zu verschaffen.
Die letzte Übung bestand darin, Mona ein Kissen zuzuwerfen und dabei mehrmals einen Satz zu sagen. Da Mona sich immer weiter von uns entfernte, wurden wir automatisch immer lauter.

Wir fassten zusammen, dass es für unsere Stimme wichtig ist, sie regelmäßig zu trainieren, ihr zu vertrauen und dass ein guter Stand ihr Stabilität und Sicherheit gibt. Viel trinken ist auch wichtig, aber bei Kaffee, Cola und Schokolade ist Vorsicht geboten, denn das schadet der Stimme.

Zur Bühnenpräsenz nannten wir noch einmal das F gegen das Lampenfieber und unsere innere Haltung. Zu diesem Punkt nannte uns Mona außerdem drei verschiedene Methoden, was wir uns vorstellen könnten:
1. Der Edelstein auf der Brust
2. Die Krone auf dem Kopf
3. Große, weit schwingende Engelsflügel am Rücken
Diese Dinge sollen uns dabei helfen, uns aufzurichten (also Ladys: bei der nächsten Lesung wird der Edelstein auf der Brust ins Licht gedreht, die Krone zurechtgerückt und die Engelsflügel hinter uns sortiert).

Es wurde noch kurz die Problematik angesprochen mit den Endungen auf „ig“. Die richtige Aussprache ist nämlich „ich“. „König“ ist „Könich“. Alles andere ist Dialekt. Für diese und andere Sprechprobleme soll es aber auch eine Internetseite bei der Gesellschaft für deutsche Sprache geben.

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Auch ein sicherer Stand ist für die Stimme und das Sprechen wichtig
Fotos: Sarina Stützer
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